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Persepolis


Zeichentrickfilme für Erwachsene stellen seit jeher eine große Ausnahme auf der Kinoleinwand dar. Ähnlich wie bei Comics scheint animierten Filmen der Ruf anzulasten, dass es sich bei ihnen um minderwertige Ware handelt, die nur für Kinder etwas taugt.

Vielleicht hat sich mittlerweile ja herumgesprochen, dass es einige ganz hervorragende Comics gibt, die nicht nur die Kleinen zu begeistern wissen und oftmals tiefgründige und intelligente Unterhaltung bieten können. Doch ins Kino schaffen es trotzdem meist nur die fantastischen oder humorigen Vertreter dieser Kunstform.

Natürlich gibt es auch genügend Animationsfilme, die ein erwachsenes Publikum zu begeistern verstehen, der ebenfalls gerade angelaufene Ratatouille aus der Pixar-Schmiede ist dafür sicherlich wieder ein hervorragendes Beispiel. Doch sucht man nach ernsten, anspruchsvollen Zeichentrickwerken, die sich mit unbequemen und zugleich realistischen Themen auseinandersetzen, fallen einem auch nach reiflichem Überlegen höchstens Filme wie Wenn der Wind weht… (immerhin auch schon über zwanzig Jahre alt) oder die Animationsexperimente Richard Linklaters (Waking Life, A Scanner Darkly) ein. Wie erfreulich, dass Marjane Satrapi nun ihre „Persepolis“-Comics selbst verfilmt hat und damit einem darbenden Subgenre neue Impulse verleiht.

Die Vorlagen „Persepolis – Eine Kindheit im Iran“ und „Persepolis – Jugendjahre“ sind auch hierzulande überdurchschnittlich erfolgreich gewesen und werden es hoffentlich auch im Kino schaffen, ein Publikum zu begeistern, das mit Comics oder Animationsfilmen bislang wenig Erfahrung hat. Die Geschichte, die der Film erzählt, hat jedenfalls das Potenzial, geschichtlich und politisch interessierte Zuschauer ebenso anzusprechen wie Genreliebhaber.

Satrapi schildert darin in autobiografischen Episoden ihr Heranwachsen im Iran der Schah-Zeit in den 70er Jahren. Als es dort zur Revolution kommt und sich die Mullahs an die Macht putschen, weicht die anfängliche Euphorie jedoch schnell der Ernüchterung, als die Bevölkerung erkennen muss, dass sich die Situation eher verschlimmert als gelockert hat. Gnadenlose Säuberungswellen führen zum Massentod Andersdenkender, Frauen werden nun gezwungen, sich in der Öffentlichkeit zu verschleiern, man muss ständig auf der Hut sein, wie man sich im Freien verhält, was man sagt und was man tut. Mit 14 Jahren verlässt Marjane ihr Heimatland und besucht eine französische Schule in Wien, in der sie sich nur schwer einleben kann. Desillusioniert wird sie einige Zeit später in den Iran zurückkehren, um das Land später Richtung Frankreich erneut zu verlassen.

Gerade die ersten zwanzig Minuten quellen über vor Fakten und historischen Abhandlungen im Eiltempo. Komplex sind hier Erinnerungen an die Kindheit Marjanes mit Rückblenden auf die Regierungszeit des 1. Schahs und die Machtübernahme durch seinen noch radikaleren Sohn ineinander verwoben, was einem aufgrund der Rasanz der Ereignisse eine große Aufmerksamkeit abverlangt. Das ist iranische Geschichte im Schnelldurchlauf, aber in einer dramaturgischen Ideenfülle erzählt, dass man fasziniert und gepackt in die Geschehnisse hineingezogen wird.

Das Tempo verringert sich kurze Zeit später, wenn Marjane Satrapi in ihren Schilderungen immer persönlicher wird, von ersten Formen der Auflehnung gegen die Dogmen der religiösen Fanatiker berichtet oder ihre Jugendlieben Revue passieren lässt. Der Humor kommt trotz der durchweg sehr ernsten Thematik nie zu kurz, sei es durch filmisch raffinierte Verkürzungen, durch intelligenten Dialogwitz oder den konsequent naiv gehaltenen Zeichenstil. Denn einen in perfektem Fotorealismus gehaltenen Animationsfilm darf man hier freilich nicht erwarten, die Bilder gleichen vielmehr denen der Comicvorlage und sollen den Gehalt und die Relevanz der Geschichte auch nicht ins Hintertreffen geraten lassen. Für brisante Momente wie Folterungen und Hinrichtungen werden stets dezente visuelle Lösungen gefunden, die das Gezeigte auch für Heranwachsende bereits geeignet erscheinen lässt. FB

F 2007. Regie und Buch: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud. Sprecher: Jasmin Tabatabai, Nadja Tiller, Hanns Zischler. Prokino. 96 Min. Ab 22. November 2007 im Kino.

 

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