
Keine Frage – der Dokumentarist Errol Morris ist für Kontroversen gut. Mit seinem neuesten Film 'Standard Operating Procedure' hat er sich den Kriegsverbrechen im irakischen Gefangenenlager Abu Ghraib angenommen.
Im Mai 2004 waren Fotos an die Öffentlichkeit gelangt, die US-amerikanische Soldaten und Soldatinnen bei Folterungen und Erniedrigungen an den Inhaftierten zeigten. Ein weltweiter Skandal war die Folge. Errol Morris, der bereits mit seinen vorangegangenen Dokumentarfilmen 'The Thin Blue Line' oder 'The Fog of War' neue Wege beschritten hatte und damit nicht immer auf Gegenliebe stieß, hatte im Februar diesen Jahres auf der Berlinale auch heftige Reaktionen zu seiner Vorgehensweise ausgelöst.
Die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion verwischen sich in 'Standard Operating Procedure', wenn nachgestellte Aufnahmen die Folterungen bebildern. Einwände, Morris hätte wohl seinen Fakten und Interviews nicht vertraut und seinen Film deshalb mit Fiktionalisierungen aufgefüllt, wiegelt der Filmemacher entschieden ab. „Das ist doch Quatsch. Solche Argumente fußen auf der Idee, dass man Wahrheit garantieren kann, wenn man eine bestimmte Präsentationsform wählt. Wäre das Ergebnis näher an der Wahrheit gewesen, wenn ich mit einer Handkamera durch die Gegend gerannt wäre und ausschließlich mit natürlichen Lichtquellen gedreht hätte? Wohl kaum. Die Wahrheit muss man aktiv anstreben, nach ihr suchen. Und das war schon immer eine Herzensangelegenheit von mir und das ist auch die Essenz dieses Films. Wahrheit liegt im Prozess, über die Welt nachzudenken, sie verstehen und analysieren zu wollen und herauszufinden, was echt ist und was nicht. Die nachgestellten Szenen in meinem Film versuchen genau das. Die Spielszenen sind ein Versuch für mich und andere, über die Umstände nachzudenken, wie die Skandalfotos entstanden sind. Man muss bei Dokumentarfilmen nach der Wahrheit streben, dazu aber nicht zwangsläufig eine bestimmte Vorgehensweise, einen bestimmten Stil benutzen oder sich an bestimmte Dokumentarfilmregeln halten. Die einzige Regel besteht für mich darin, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Und ich glaube, dass mein Film das leistet.“

Auch der Einsatz eines recht aufdringlichen Scores von Horror-Genre-Starkomponist Danny Elfman schied die Geister. Auf die Frage, warum er sich ausgerechnet für ihn entschieden hatte, antwortete Morris: „Für mich ist der Film ein Dokumentarhorrorfilm. Nachdem Philip Glass mir für drei Filme die Scores komponierte hatte, wollte ich nun nicht bewusst etwas Anderes tun. Aber die Fotos lösten, als diese das erste Mal publik wurden, direkt Albträume bei mir aus, sie hatten eine fast schon halluzinogene Wirkung auf mich. Deswegen war es für mich nur nahe liegend, dass Danny die Komposition der Musik dafür übernehmen würde.“ Natürlich kam auch die Frage auf, warum sich Morris darauf beschränkte, die „kleinen Fische“ zu interviewen, weder ranghöhere Militärs noch ehemalige Gefangene vor seine Kamera holte. Dazu der Regisseur: „Es war nicht immer einfach, diese Personen ausfindig zu machen. Nach dem Gefangenen, der auf einem der Fotos auf einer Kiste angekettet war, haben wir zwei Jahre gesucht und eine Menge Geld investiert – aber wir konnten ihn nicht finden. Aber das soll nicht als Ausrede dienen. Wenn man einen Film dreht, muss man eine Menge Entscheidungen treffen. Für mich war dies die Geschichte dieser Soldaten, die als Sündenbock herhalten mussten, und die Geschichte der Fotos, die einen Teil davon enthüllen, was in Abu Ghraib passiert ist. Ich beschränkte mich auf diese Geschichte und behaupte auch gar nicht, dass es die einzige ist, die man darüber in einem Film festhalten kann, aber es ist diejenige, für die ich mich entschieden habe.“

Dem Filmemacher ist es damit gelungen, eine der außenpolitischen Schandtaten der Bush-Administration wieder zum Gesprächsthema werden zu lassen. Morris schloss seine Ausführungen mit den Worten: „Das alles war eine große Tragödie für den Irak. Indem wir einen einzelnen Mann töten wollten, haben wir ein ganzes Land destabilisiert und Millionen von Menschen viel Leid zugefügt. Aber das ist auch eine große Tragödie für mein Land, die USA. Ich bin Amerikaner, der sich seiner Geschichte bewusst ist und der sein Land nie als blütenweiß angesehen hat. Trotzdem haben mich diese Fotos grundlegend erschüttert. Was sagen sie über Amerika und uns Amerikaner aus? Ich sehe in ihnen gewissermaßen die Fotos, die Amerika die Unschuld geraubt haben, und die uns gezwungen haben, uns in einem neuen, anderen und nicht gerade sehr ansprechenden Licht zu sehen. Ich möchte, dass sie sich eines bewusst machen: Natürlich kann man einen Hass auf diese bestimmten Soldaten entwickeln, sie wurden auch auf mancherlei Art bestraft, haben Gefängnisstrafen abgesessen für das, was sie in Abu Ghraib getan haben. Aber sie sind nicht die Verantwortlichen und diese Fotos erzählen nicht die ganze Geschichte darüber, was dort geschehen ist. Wir stehen inmitten eines dunklen und sehr beunruhigenden Kapitels der amerikanischen Geschichte und schauen auf etwas, was mein ganzes Land zutiefst beschädigt.“ Frank Brenner
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